| GoingPublic Kolumne |
22.07.2010, 16:15 |
| Standpunkt - Real statt Digital
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Die Pipeline-Kapitalmarktwerte der meisten Pharma-Unternehmen haben heute eine Bewertung von null. Bei vielen Biotechnologieunternehmen gibt es Bewertungen, die eine Finanzierung de facto unmöglich machen.
Der
Kapitalmarkt hat sich also ganz im Gegenzug zu den frühen 2000er-Jahren in den
letzten Jahren dazu entschlossen, den Wert von Phase-I-, Phase-II- und zum Teil
auch von Phase-III-Projekten von Pharma Unternehmen signifikant zu
diskontieren. Als Unternehmer ist es nicht unsere Aufgabe, den Kapitalmarkt zu
beurteilen, sehr wohl aber ist es unsere Aufgabe zu versuchen, ihn zu
verstehen, um mögliche weitere strategische Schritte einleiten und beurteilen
zu können.
Nun ist jedes Biotechnologieunternehmen natürlich eine Sondersituation, doch es
drängen sich natürlich Fragen auf: Was wird der Basiswert der möglichen
nächsten Finanzierungsrunde für ein Biotechnologieunternehmen sein? Oder:
Welcher Austauschwert von Aktien ist strategisch angebracht? Oder: Was ist
tatsächlich wertoptimal, lieber früher als später sein Unternehmen zu
verkaufen? Und hierbei wird schon eine für viele Unternehmen gewagte
Vorabhypothese gemacht, nämlich zu glauben, dass eine Finanzierung überhaupt
möglich ist.
Die Preisfindung bei privaten Finanzierungsrunden ist hier ja nur zu oft durch
die Merkmale eines klaren Käufermarktes in den letzten Monaten mehr als
asymmetrisch gestaltet worden. War vor einigen Jahren der Begriff der
„Downround“ noch kaum bekannt, so ist dies heute zur Realverfassung vieler
Finanzierungen geworden. Für öffentliche Unternehmen steht bei der Kapitalsuche
zumindest eine etwas breitere Investorenbasis zu Verfügung, doch viel besser
ist die Situation in Europa für gelistete Unternehmen im Gegensatz zu den
privaten Unternehmen auch nicht. Aber für viele Unternehmen ist es gar nicht
mehr die Frage, ob Up- oder Downround, sondern einfach die Frage: Wie schaut
eine Überlebensstrategie aus?
Die Struktur vieler Unternehmen hat für zahlreiche Investoren zu digitalen
Risiken geführt, die zunehmend nicht mehr getragen werden können. In den
letzten Jahren sind leider zu oft die Hoffnungen nach medizinischen
Phase-II-Durchbrüchen der Realität von klinischen Daten, die der natürlichen
Ausfallrate unserer Industrie entsprechen, gewichen. Diese generelle
Investitionsernüchterung ist nicht die Schuld eines einzelnen Ereignisses, es
ist die Serie, die uns heute leider alle in eine Situation gebracht hat, in der
Unternehmensfinanzierungen ähnlich schwierig geworden sind wie neue
wissenschaftliche Produktansätze zu finden.
Dennoch bin ich mehr als je zuvor davon überzeugt, dass wir heute bei weitem
bessere klinische Ideen und Technologieplattformen haben. Es ist also nur eine
Frage der strategischen Unternehmensformierung, um aus diesen werthaltigen
Komponenten auch werthaltige strategisch langfristige
Unternehmenskonstellationen zu schaffen. Die Antwort der „kritischen
Unternehmensgröße“ ist schon oft zitiert worden, doch mehr denn je scheint
jetzt die Zeit gekommen, aus digitalen biotechnologischen
Einzelunternehmensrisiken Portfolios von Biotech-Werten zu bauen. Nur so kann
eine Investitionshypothese neu geschrieben werden, die es professionellen
Investoren und auch Privatpersonen erlaubt, an unserer Industrie teilzuhaben
und Rückschläge genauso wie Erfolge optimal in strategische Werte umzusetzen.
Von Dr. Werner Lanthaler, CEO, Evotec AG
Ursprünglich erschienen in der GoingPublic Ausgabe
07/2010.
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