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Interviews 29.04.2010, 12:23  
„Travel Viva war es wichtig, die Aktie öffentlich bewerben zu können“ - - Interview mit Thomas Stewens und Dominik Glier, Bank M

Der Internetreiseanbieter Travel Viva ging im Februar 2010 via Listing an den Entry Standard. Die Notierungsaufnahme wurde – was sonst nicht unbedingt üblich ist – mit einem Wertpapierprospekt beworben.

Thomas Stewens, Leiter der Repräsentanz, und Dominik Glier, Corporate Action & Documentation, von der BankM, die Travel Viva an die Börse begleiteten, erklären diesen Weg des „Safe IPO“.

GoingPublic: Herr Glier, Sie haben den Börsengang von Travel Viva im Entry Standard begleitet, der aber kein klassisches IPO war. Können Sie kurz das hier gewählte Modell beschreiben?
Glier: Travel Viva hatte keinen akuten Finanzierungsbedarf. Eine Kapitalaufnahme beim Börsengang, die man in Erwägung gezogen hatte, war also nicht erforderlich. Es ging vielmehr darum, in der Zukunft schnell am Kapitalmarkt reagieren zu können, wenn das Unternehmen Kapital für die Wachstumsfinanzierung benötigt. Wir haben Travel Viva auch geraten, keinen klassischen Börsengang zu machen, sondern sich erst mal einen Track Record aufzubauen und sich damit in die Position für mögliche spätere Kapitalmaßnahmen zu bringen. Wenn bei einem IPO die Kapitalerhöhung nicht platziert werden kann, kommt das Unternehmen meist nicht an die Börse. Dieser Gefahr wollte sich Travel Viva nicht aussetzen und hat sich deshalb für das Safe IPO entschieden.

GoingPublic: Wo liegen die wesentlichen Unterschiede zu einem „normalen“ Listing?
Glier: Wird lediglich ein normales Listing gemacht, ist es nicht möglich, den Börsengang entsprechend zu bewerben und einen Meinungs- und Preisbildungsprozess anzustoßen.

GoingPublic: Ein Wertpapierprospekt ist für ein solches Listing ja eigentlich nicht erforderlich. Warum hat sich Travel Viva trotzdem dafür entschieden?

Glier: Natürlich verursacht die Erstellung eines Wertpapierprospekts Kosten und bindet auch Ressourcen im Unternehmen. Zudem haben wir als Bank auch eine Due-Diligence-Prüfung verlangt. Auf der anderen Seite war es der Gesellschaft wichtig, die Aktie öffentlich bewerben und vermarkten zu können. Nachdem er nun vorliegt, kann jeder Investor bei seiner Anlageentscheidung auf den Prospekt zurückgreifen. Die zusätzliche Transparenz stellt einen weiteren Vorteil für das Unternehmen dar.

GoingPublic: Welchen Unternehmen würden Sie den von Travel Viva gewählten Weg empfehlen?
Glier: Grundsätzlich gibt es in Deutschland viele mittelständische Unternehmen, die an die Börse wollen. Doch verschiedene Gründe hindern sie daran, diesen Weg auch zu gehen. Ein Grund ist natürlich die Gefahr der IPO-Absage für den Fall, dass die Kapitalerhöhung nicht platziert wird. Fällt diese Verknüpfung zwischen Börsengang und Kapitalerhöhung weg, ist das damit verbundene Risiko natürlich erheblich niedriger.

GoingPublic: Herr Stewens, im Jahr 2009 gab es – auch im Entry Standard – recht viele Kapitalerhöhungen, aber keinen Börsengang. Worauf führen Sie das zurück?
Stewens: Kapitalerhöhungen waren zuletzt tatsächlich sehr gut möglich. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass Unternehmen, die schon an der Börse notiert sind, einen gewissen Vertrauensvorschuss aufbauen können. Bei einem Börsengang sehen die Investoren dagegen das Unternehmen meist zum ersten Mal und müssen sich dann schnell entscheiden. In Zeiten, in denen das Risiko hoch eingeschätzt wird, kann es dann passieren, dass sich die Investoren nicht für ein Investment in dieses Unternehmen entscheiden. Wenn die Investoren aber ein halbes Jahr Zeit haben, sich den Track Record an der Börse anzuschauen, kann die Entscheidung eher positiv ausfallen.

GoingPublic: Nachdem das IPO-Fenster seit Ausbruch der Finanzkrise bis Ende 2009 fast vollständig geschlossen war, gab es 2010 bereits fünf Börsengänge – alle im Prime Standard. Warum konnte der Entry Standard noch nicht davon profitieren?
Stewens: Der Entry Standard ist definitiv ein spannendes Segment für mittelständische Unternehmen, um Erfahrungen mit dem Kapitalmarkt zu machen. Im Moment zeigen die Investoren eine Neigung zu größeren Börsengängen. Diesen Unternehmen geht es meist um Refinanzierung, weniger um Wachstumsfinanzierung. Wir glauben aber, dass auch Privatanleger sowie kleinere und mittelgroße Vermögensverwalter sehr interessante Investoren für neue Aktien sind. Kleinere Emissionen im Prime oder Entry Standard können – mit guten Konzepten – diese Anleger durchaus begeistern.
Glier: Das Beispiel Travel Viva hat auch gezeigt, dass es durchaus spezialisierte Investoren gibt, die solche Aktien nachfragen. Es sind dann eben nur nicht unbedingt die großen institutionellen Investoren.

GoingPublic: Worauf kommt es bei der Wahl des Marktsegments für ein IPO an?
Stewens: Wenn ein Unternehmen internationale Investoren sucht, empfehlen wir den Prime Standard wegen der Zweisprachigkeit. Sucht ein Unternehmen den Einstieg in den Kapitalmarkt, ist meistens der Entry Standard das richtige Marktsegment. Der General Standard kommt in einigen Fällen in Frage, wenn es der Regulierte Markt sein soll, die Zweisprachigkeit aber nicht so wichtig ist. In der Regel fällt aber die Entscheidung zwischen Entry und Prime Standard.

GoingPublic: Ist für mittelständische Unternehmen mit Kapitalbedarf ein Börsengang die erste oder die letzte Option?
Stewens: Wenn es die letzte Option ist, wird das mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zum Erfolg führen. Der Börsengang sollte immer eine wesentliche strategische Option sein, die für das Unternehmen per se schon attraktiv ist. Das Unternehmen sollte gerne in der Öffentlichkeit stehen und davon profitieren. Außerdem sollte es natürlich an einer nachhaltigen Eigenkapitalfinanzierung interessiert sein.

GoingPublic: Viele Unternehmen scheinen diese Option gar nicht zu sehen. Woran liegt das?
Stewens: Die Aktie muss viel stärker als Finanzierungs- und Investitionsinstrument gesehen werden und nicht so sehr als Spekulationsobjekt. Es wird in der Öffentlichkeit, aber auch in der Politik oft vergessen, dass die Aktie für Eigenkapitalsicherheit und Innovationsfähigkeit steht.

GoingPublic: Herr Glier, Herr Stewens, vielen Dank für die aufschlussreichen Antworten!

Das Interview führte Oliver Bönig.

Ursprünglich erschienen in der Sonderbeilage „Entry & General Standard“ der GoingPublic Ausgabe 5/2010

 

 

 

 


 

 

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