Thomas Stewens, Leiter der
Repräsentanz, und Dominik Glier, Corporate Action & Documentation, von der
BankM, die Travel Viva an die Börse begleiteten, erklären diesen Weg des „Safe
IPO“.
GoingPublic: Herr Glier, Sie haben den Börsengang von Travel Viva im
Entry Standard begleitet, der aber kein klassisches IPO war. Können Sie kurz
das hier gewählte Modell beschreiben?
Glier: Travel Viva hatte keinen akuten Finanzierungsbedarf. Eine
Kapitalaufnahme beim Börsengang, die man in Erwägung gezogen hatte, war also
nicht erforderlich. Es ging vielmehr darum, in der Zukunft schnell am
Kapitalmarkt reagieren zu können, wenn das Unternehmen Kapital für die
Wachstumsfinanzierung benötigt. Wir haben Travel Viva auch geraten, keinen
klassischen Börsengang zu machen, sondern sich erst mal einen Track Record
aufzubauen und sich damit in die Position für mögliche spätere Kapitalmaßnahmen
zu bringen. Wenn bei einem IPO die Kapitalerhöhung nicht platziert werden kann,
kommt das Unternehmen meist nicht an die Börse. Dieser Gefahr wollte sich
Travel Viva nicht aussetzen und hat sich deshalb für das Safe IPO entschieden.
GoingPublic: Wo liegen die wesentlichen Unterschiede zu einem „normalen“
Listing?
Glier: Wird lediglich ein normales Listing gemacht, ist es nicht
möglich, den Börsengang entsprechend zu bewerben und einen Meinungs- und Preisbildungsprozess
anzustoßen.
GoingPublic: Ein Wertpapierprospekt ist für ein solches Listing ja
eigentlich nicht erforderlich. Warum hat sich Travel Viva trotzdem dafür
entschieden?
Glier: Natürlich verursacht die
Erstellung eines Wertpapierprospekts Kosten und bindet auch Ressourcen im
Unternehmen. Zudem haben wir als Bank auch eine Due-Diligence-Prüfung verlangt.
Auf der anderen Seite war es der Gesellschaft wichtig, die Aktie öffentlich
bewerben und vermarkten zu können. Nachdem er nun vorliegt, kann jeder Investor
bei seiner Anlageentscheidung auf den Prospekt zurückgreifen. Die zusätzliche
Transparenz stellt einen weiteren Vorteil für das Unternehmen dar.
GoingPublic: Welchen Unternehmen würden Sie den von Travel Viva
gewählten Weg empfehlen?
Glier: Grundsätzlich gibt es in Deutschland viele mittelständische
Unternehmen, die an die Börse wollen. Doch verschiedene Gründe hindern sie
daran, diesen Weg auch zu gehen. Ein Grund ist natürlich die Gefahr der
IPO-Absage für den Fall, dass die Kapitalerhöhung nicht platziert wird. Fällt
diese Verknüpfung zwischen Börsengang und Kapitalerhöhung weg, ist das damit
verbundene Risiko natürlich erheblich niedriger.
GoingPublic: Herr Stewens, im Jahr 2009 gab es – auch im Entry Standard
– recht viele Kapitalerhöhungen, aber keinen Börsengang. Worauf führen Sie das
zurück?
Stewens: Kapitalerhöhungen waren zuletzt tatsächlich sehr gut möglich.
Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass Unternehmen, die schon an der Börse
notiert sind, einen gewissen Vertrauensvorschuss aufbauen können. Bei einem
Börsengang sehen die Investoren dagegen das Unternehmen meist zum ersten Mal
und müssen sich dann schnell entscheiden. In Zeiten, in denen das Risiko hoch
eingeschätzt wird, kann es dann passieren, dass sich die Investoren nicht für
ein Investment in dieses Unternehmen entscheiden. Wenn die Investoren aber ein
halbes Jahr Zeit haben, sich den Track Record an der Börse anzuschauen, kann
die Entscheidung eher positiv ausfallen.
GoingPublic: Nachdem das IPO-Fenster seit Ausbruch der Finanzkrise bis
Ende 2009 fast vollständig geschlossen war, gab es 2010 bereits fünf
Börsengänge – alle im Prime Standard. Warum konnte der Entry Standard noch
nicht davon profitieren?
Stewens:
Der Entry Standard ist definitiv ein spannendes Segment für mittelständische
Unternehmen, um Erfahrungen mit dem Kapitalmarkt zu machen. Im Moment zeigen
die Investoren eine Neigung zu größeren Börsengängen. Diesen Unternehmen geht
es meist um Refinanzierung, weniger um Wachstumsfinanzierung. Wir glauben aber,
dass auch Privatanleger sowie kleinere und mittelgroße Vermögensverwalter sehr
interessante Investoren für neue Aktien sind. Kleinere Emissionen im Prime oder
Entry Standard können – mit guten Konzepten – diese Anleger durchaus begeistern.
Glier: Das Beispiel Travel Viva hat auch gezeigt, dass es durchaus
spezialisierte Investoren gibt, die solche Aktien nachfragen. Es sind dann eben
nur nicht unbedingt die großen institutionellen Investoren.
GoingPublic: Worauf kommt es bei der Wahl des Marktsegments für ein IPO
an?
Stewens: Wenn ein Unternehmen internationale Investoren sucht, empfehlen
wir den Prime Standard wegen der Zweisprachigkeit. Sucht ein Unternehmen den
Einstieg in den Kapitalmarkt, ist meistens der Entry Standard das richtige Marktsegment.
Der General Standard kommt in einigen Fällen in Frage, wenn es der Regulierte
Markt sein soll, die Zweisprachigkeit aber nicht so wichtig ist. In der Regel
fällt aber die Entscheidung zwischen Entry und Prime Standard.
GoingPublic: Ist für mittelständische Unternehmen mit Kapitalbedarf ein
Börsengang die erste oder die letzte Option?
Stewens: Wenn es die letzte Option ist, wird das mit hoher
Wahrscheinlichkeit nicht zum Erfolg führen. Der Börsengang sollte immer eine
wesentliche strategische Option sein, die für das Unternehmen per se schon
attraktiv ist. Das Unternehmen sollte gerne in der Öffentlichkeit stehen und
davon profitieren. Außerdem sollte es natürlich an einer nachhaltigen
Eigenkapitalfinanzierung interessiert sein.
GoingPublic: Viele Unternehmen scheinen diese Option gar nicht zu sehen.
Woran liegt das?
Stewens: Die Aktie muss viel stärker als Finanzierungs- und
Investitionsinstrument gesehen werden und nicht so sehr als Spekulationsobjekt.
Es wird in der Öffentlichkeit, aber auch in der Politik oft vergessen, dass die
Aktie für Eigenkapitalsicherheit und Innovationsfähigkeit steht.
GoingPublic: Herr Glier, Herr Stewens, vielen Dank für die
aufschlussreichen Antworten!
Das Interview führte Oliver Bönig.
Ursprünglich erschienen in der
Sonderbeilage „Entry & General Standard“ der GoingPublic Ausgabe 5/2010