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Wer hat’s erfunden? Für die Franke Artemis AG aus dem schweizerischen Aarburg gilt der Satz in Bezug auf Küchenspülen: Der erste vollständig geschweißte, fugenlose Spültisch aus Edelstahl in Serienfertigung wurde 1937 in Aarburg ersonnen. Noch heute ist dieses Geschäft der Kern des Unternehmens, es heißt bloß anders: Kitchen Systems.
2009
herbe Einbußen zu verkraften
Franke ist ein
weltweit führender Anbieter von Systemen für die Haushaltsküche und für
professionelle Anwendungen in der Systemgastronomie. Zum Beispiel zählt die
Fast-Food-Kette McDonald’s zu den Kunden der Schweizer, wenn es darum geht,
Burger zu braten oder Getränke auszuschenken. Der Familienbetrieb, der zu 100 %
Michael Pieper gehört, ist mit 70 eigenen Gesellschaften in 37 Ländern direkt
präsent. Der Umsatz belief sich 2009 auf 2,42 Mrd. CHF. Dies bedeutet einen Rückgang
gegenüber 2008 von 17,7 %, wobei 3,5 % auf Währungseinflüsse durch den starken
Franken zurückzuführen sind. Auf die Umsatzeinbrüche, die Franke vor allem in
der EU hinnehmen musste, wurde eher untypisch für ein Familienunternehmen
reagiert: 1.420 von zuvor knapp 12.000 Mitarbeitern verloren ihren Job, Werke
wurden geschlossen. Da auch die Investitionen halbiert wurden und bereits 2008
ein umfassendes Kostensenkungsprogramm aufgelegt worden war, blieb Franke
dennoch in den schwarzen Zahlen. Die EBITDA-Quote lag 2008 bei 12 % des
Umsatzes, sie dürfte gesunken, aber deutlich im schwarzen Bereich geblieben
sein. Auf alle Fälle stieg die Eigenkapitalquote, natürlich auch durch die
verminderte Bilanzsumme, auf exakt 50 %.
Die mit Abstand größte Division bei Franke
bilden die Kitchen Systems, die für mehr als 60 % des Umsatzes stehen. Gut 20 %
steuern Foodservice-Systeme bei, die Dienstleistungen insbesondere für die
Systemgastronomie erbringen. Die Bereiche Washroom, Beverage sowie Coffee
stehen zusammen für 15 % der Einnahmen. Geografisch ist die EU das
Hauptabsatzgebiet für Franke (45 %), Nordamerika (22 %) und der Nahe Osten (18
%) folgen. In der Schweiz selbst generiert Franke nur noch 4 % des Umsatzes.
Klassische
Familien-Story
Die Franke-Geschichte startete 1911 im kleinen Ort Rohrschach am
Bodensee in der Schweiz. Hermann Franke gründet eine Spenglerei, die einen eher
holprigen Start überstehen muss: Materialknappheit durch den 1. Weltkrieg und
die folgende Krise lassen kein Wachstum zu. Das stellt sich erst Ende der 20er
Jahre ein, als eine Sanitärabteilung angegliedert wird. 1931 bringt Franke
einen ersten Spültisch auf den Markt, 1937 wird die Serienproduktion eines
komplett geschweißten, fugenlosen Spültischs aufgenommen. Diese Erfindung
bedeutet den Durchbruch. Und sie trägt noch immer, denn die Grundidee hat sich
nicht verändert: Nach wie vor bietet Franke statt eines Bottichs für den
Abwasch eine Spüllösung. Die wurde im Laufe der Jahrzehnte immer weiter
verfeinert und ergänzt, zum Beispiel um die Bereiche Hygiene, Zubereitung und
Getränkeabgabe, und das alles mit allen Raffinessen, von Filtriergeräten bis
hin zu allerlei Peripherie-Gegenständen. Wenn man so will, um einen anderen
geflügelten Werbespruch zu nennen: Auch Franke wusste immer, was Frauen
wünschen.
Frühe Internationalisierung
Sofort nach dem 2. Weltkrieg nahm Walter Franke, der den Betrieb des
verstorbenen Vaters übernommen hatte, den Export auf. Das Portfolio wurde von
Spülen auf ganze Küchen ausgeweitet. Der weitere Aufbau verlief rasant.
Waschraum und Sanitärsysteme kamen ins Programm, und 1972 baute Franke die
erste Küche für McDonald’s, und zwar in München. Die Mitarbeiterzahl überstieg
die Marke von 2.500. 1975 wechselte der Eigentümer: Walter Franke verkaufte an
den Freund und Geschäftspartner Willi Pieper. Dessen Sohn Michael führt das
Unternehmen heute.
Wachstum aus
dem Cashflow
Franke ist ein klassisches Beispiel dafür, dass mit Fokussierung auf
die Kernkompetenzen und behutsamem Wachstum durchaus global wahrnehmbare
Unternehmen entstehen können. „Ich will bei einer Akquisition nie eine Bank
fragen müssen; die haben keine Fantasie und keine Ahnung von der Vision eines
Unternehmers“, sagte einmal Michael Pieper im Interview mit Bianca Braun. Durch
den weitgehenden Verzicht auf die Ausschüttung von Dividenden hat sich bei
Franke genügend Kapital angesammelt, um unabhängig von Banken Entscheidungen
treffen zu können. Sehr selbstbewusst führte er weiter aus, so die Möglichkeit
zu haben, schnell handeln zu können. Er müsse „niemandem außerhalb der Firma
Rechenschaft ablegen. Darüber hinaus kann ich weitaus langfristiger planen als
ein Top-Manager, der seinen Blick auf den Aktienkurs des Unternehmens werfen
muss“.
Neustrukturierung der Franke Gruppe
Organisatorisch wurde
die neue Konzernstruktur Franke Artemis Holding AG zu Beginn des Jahres in
Kraft gesetzt. Somit wurden die Franke Gruppe mit den Franke-Teilkonzernen
Franke Kitchen Systems Group und Franke Commercial Systems Group, die Franke
Real Estate Group und die diversen Artemis-Industriebeteiligungen unter einem
Dach zusammengefasst. Die Mitarbeiter der Holding werden über ein
ausgeklügeltes Bonisystem am Unternehmenserfolg beteiligt. Und obwohl Pieper
als Alleineigentümer das uneingeschränkte Sagen besitzt, gibt es einen unabhängigen
Verwaltungsrat, mit dem Pieper Entscheidungen abstimmt.
Fazit
Franke hat in den vergangenen beiden Geschäftsjahren Umsatz- und
Ergebniseinbrüche hinnehmen müssen, dennoch trägt das Geschäftsmodell, da durch
die hohe Spezialisierung und das ineinandergreifende Angebot die Margen so hoch
sind, dass trotz insgesamt mehr als 20% Umsatzrückgang weiterhin ein positives
Ergebnis zu Buche steht.
Stefan Preuß
Kurzprofil Franke Artemis Holding AG
Gründungsjahr: 1911
Branche: Küchensysteme und Food- + Beverage-Services
Unternehmenssitz: Aarburg (CH)
Mitarbeiter 2009: 10.500
Konzernumsatz 2009 (Mrd. CHF): 2,415
EBITDA: 12% vom Umsatz 2008 (Zahlen 2009 noch nicht kommuniziert)
Gewinn: k.A.
Ursprünglich erschienen in der GoingPublic Ausgabe 6/2010.
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